Reportagen

Der Teufel ist ein „Loser“

 

Marius Kanner ist kein Angsthase. Aber er hat beinahe ständig und vor fast allem Angst. Denn Kanner leidet an Schizophrenie. Schon fast sein halbes Leben lang.

Marius Kanner, der eigentlich anders heißt, geht bedächtig. Mit klobigen Schuhen tritt er in den Flur, auf seinem kurz geschnittenen braunen Haar einen großen weißen Kopfhörer. Der dunkle Parka verleiht dem noch jugendlichen Gesicht etwas Schweres. Kanners kräftige Finger zerren hektisch an den Schürsenkeln. „Die Schulferien waren schön. Es waren zwei Wochen lang fast keine Menschen im Bus“, erzählt er mir. Heute wird die Busfahrt für den Berliner wieder anstrengend. Bis er seine Arbeitsstätte erreicht. Dann ist er unter Freunden.

In sich selbst eingesperrt

Seit Jahren kämpft Kanner gegen Schizophrenie. Die psychische Störung verzerrt seine Wahrnehmung. Ob im Bus oder an der Haltestelle: Menschen rufen in ihm ein tiefes Unbehagen hervor. Er ängstigt sich vor ihnen. Vor allem vor solchen, die durch ihn hindurch sehen können und alles über ihn wissen. Auch vor einigen Arbeitskollegen, die ihn manchmal kritisieren. Und vor der Hölle. Genauso wie davor, bald zu sterben.

2017 hatte der heute 32-Jährige einen starken Schub. Seither ist es mit der Ruhe in ihm vorbei. Kanner fühlt sich eingesperrt in seinem Kopf, immerzu konfrontiert mit beunruhigenden Gedanken.

Als Kanner und seine Eltern 2003 erfahren, dass er unter Schizophrenie leidet, ist er 17 Jahre alt. Seine stille, zurückgezogene Art fiel nicht auf. Doch plötzlich erfand er immer neue Wörter. „Grito Lilo“ kam häufig aus seinem Mund, er lachte viel darüber. Wen oder was er damit meint, weiß niemand. Auch er selbst nicht. Neben seiner Sprache veränderte sich schließlich sein Verhalten. Zur Hochzeit der Schwester wollte er nicht ins Auto steigen. Und auch die vielen Menschen, die ihn in der Kirche begaffen könnten – den Gedanken ertrug er nicht. Also, blieb er zuhause.

Freunde fürs Leben?

Seine Mutter suchte lange eine passende Arbeitsstätte für ihn. Die Lehre zur Bürokraft war eine Sackgasse. Ein Sozialarbeiter empfahl die Arbeit in einer Werkstatt für Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen. Ein guter Rat: In einem Team von Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen findet Kanner sogar Freunde. Sie ticken wie er, liegen ab und zu im Ruheraum nebenan. Lieben Essen. Und auch sie sind im Grunde gutmütige, wenn auch nach außen hin manchmal behäbige Menschen.

Nach der Arbeit gehen sie gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt, trinken Glühwein und sprechen über die neuesten Blockbuster. Aber wenn ihn das Gerede anödet, zieht Kanner die Reißleine. „Zuhause liegen noch spannende Bluerays“, verabschiedet er sich unvermittelt und geht.

Arbeit, die Hoffnung macht

Auf dem Adventsbasar führt mich Marius Kanner stolz durch seine Arbeitsstätte. Kuchen, Weihnachtsgebäck und ein Blasorchester begrüßen die Gäste im Foyer. Im Gang auf dem Weg zum Arbeitsteam hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Ein Mensch ohne Macke ist kacke“.

Es ist eine unaufgeregte, monotone Arbeit. Tagein tagaus: bekleben, verschließen. „Niveatüten“ steht auf einer der durchsichtigen Kisten im Raum. Daneben Reis, Öle, Gewürze. Dieser Ort ist keiner zum Fürchten. Doch Kanner möchte jetzt lieber in den Ruheraum. Hinter verschlossener Tür blickt er gelöst. Hier kann er frei reden. Einige Kollegen würden ihn in letzter Zeit häufig kritisieren. „Zu langsam bin ich“, formuliert er etwas umständlich. Dabei mache er seine Arbeit doch gut, sagt er und klingt beinahe zuversichtlich. >> Artikel weiterlesen

 

Keine einsamen Inseln

Photo by Oliver Sju00f6stru00f6m on Pexels.com

Es ist ein sonniger Mittwochvormittag, ein warmes Aprillüftchen weht durch die kurzen Bäume am Rathaus in Berlin-Neukölln. In der Rathausvorhalle haben sich fünf Menschen zum Europawahlkampf versammelt. Doch wer Wimpel, Flyer, Kugelschreiber und Sonnenschirme erwartet hat, wird enttäuscht. Ein junger Mann mit Lockenkopf hält ein Schild mit der Aufschrift „Green New Deal“ eher wie ein Willkommensschild als wie ein Wahlplakat in die Höhe. Denn heute gehen die Wahlkämpfer der Bewegung DiEM25 nicht auf die Straße zum Stimmenfang, heute kommen die (potentiellen) Wähler zu ihnen, um sich bei der Registrierung helfen zu lassen. Die Aktion ist Teil der Kampagne Register-to-Vote. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament dürfen nämlich auch EU-Ausländer wählen, sie müssen sich dazu allerdings an ihrem Wohnort im Wählerverzeichnis registrieren lassen.  >> Artikel lesen

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